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Europäische Erfahrungen

Vertreter der heutigen Arbeitsgemeinschaft „Lebendige Dörfer“ hatten schon seit Ende der 1990er Jahre die Gelegenheit, an Ländlichen Parlamenten in Schweden und Estland teilzunehmen und auf internationalen Veranstaltungen die Erfahrungen der Dorfbewegungen europäischer Länder kennen zu lernen. Diese Erfahrungen standen Pate bei der Idee, 2004 die Arbeitsgruppe „Dorf“ bei der Brandenburgischen Werkstatt Lokale Agenda 21 (www.nachhaltig-in-brandenburg.de) zu gründen, aus der inzwischen die AG „Lebendige Dörfer“ im Verein Brandenburg 21 geworden ist.

 

Entstehung einer Dorfbewegung in Finnland

 

Ende der 1970er Jahre bildeten sich in einzelnen Dörfern Finnlands „Dorf-Aktionsgruppen“. Dorfbewohner schlossen sich als Interessengruppe für ihr Dorf zusammen, um die Geschicke ihres Dorfes in die eigenen Hände zu nehmen. Dafür gab es vor allem zwei Gründe:

 

  • Eine Zuspitzung der Problemlagen, die manche Dörfer in die Gefahr brachten, auf Dauer nicht lebensfähig zu sein. Dazu gehörten der Strukturwandel und Bedeutungsverlust der Landwirtschaft als Arbeitgeber, Arbeitslosigkeit, Abwanderung von Jugendlichen, Schrumpfung der lokalen technischen und sozialen Infrastruktur, usw.

 

  • Durch die Bildung von Großgemeinden verloren die meisten Dorfgemeinschaften ihre kommunale Selbstständigkeit und konnten über Grundfragen ihres Dorfes nicht mehr selbst entscheiden.

 

Diese Dorf-Aktionsgruppen hatten einerseits das Ziel, die Belange ihres Dorfes selbst zu artikulieren und die lokalen Interessen in der Gemeinde durchzusetzen; andererseits sahen sie die Notwendigkeit, bei der Lösung der genannten Probleme nicht allein auf die Kommune zu setzen oder auf externe Förderung zu warten, sondern vor allem auf die eigenen Kräfte der Dorfgemeinschaft zu vertrauen und ihre inneren Potenziale für die Überlebensfähigkeit des Dorfes zu mobilisieren.

Diese lokalen Initiativen wurden von Nichtregierungsorganisationen, Universitäten und später auch von staatlichen Organen unterstützt und deren Erfahrungen im ganzen Land verbreitet. Daraus entstand eine landesweite Bewegung der Dörfer – eine „Dorfaktions-Bewegung“ -, die auf den heute mehr als 4.000 Dorf-Aktionsgruppen basiert.

Diese Bewegung unterhält ein landesweites Koordinierungsbüro und verfügt über relativ eigenständige regionale Netzwerke der Dörfer. Die Dorf-Aktionsgruppen haben sich meist die juristische Form eingetragener Vereine gegeben, wobei diese „Dorfvereine“ zwischen den verschiedenen örtlichen Vereinen eine koordinierende und die Gesamtinteressen des Dorfes vertretende Rolle spielen. Jährlich finden „Dorftage“ als regionale und landesweite Treffen der Dörfer statt.

 

 

Diffusion der Dorfbewegung nach Schweden und in weitere 20 europäische Länder

 

In den 1980er Jahren entstand auf ähnliche Weise und ähnlich strukturiert eine Dorfbewegung in Schweden, die sich den Namen „Ganz Schweden soll leben“  gab – was bedeuten soll: nicht nur die Städte, sondern auch die Dörfer und nicht nur die Verdichtungsräume, sondern auch die dünn besiedelten Regionen sollen leben. Auch hier wirken in fast allen der 4.400 Dörfer solche Dorf-Aktionsgruppen oder Dorfvereine. Zweijährlich findet ein „Ländliches Parlament“ von Schweden – jeweils mit einer anderen Region als Gastgeberin - statt, auf dem sich bis zu 1.000 Akteure aus Dörfern zum Erfahrungsaustausch in verschiedenen thematischen Seminaren treffen, Begegnungen mit Politikern, Vertretern von Nichtregierungsorganisationen, internationalen Gästen und Diskussionsrunden mit Regierungsvertretern haben. Es werden Orientierungen für die weitere Arbeit und Empfehlungen an die Politik artikuliert.

 

So sind diese Bewegungen der Dörfer zu einer landesweiten Kraft geworden, die der Stärkung der Selbstorganisation der Dörfer dient und zugleich mittlerweile eine starke Lobby der Dörfer geworden ist.

 

In den 1980er Jahren entstand in den Niederlanden eine ähnliche Bewegung der Dörfer und kleinen Städte, die seit einigen Jahren ebenfalls zweijährlich Ländliche Parlamente veranstaltet. Inzwischen gibt es, inspiriert durch die genannten Modelle, mehr als 20 ähnliche Dorfbewegungen in west- und osteuropäischen Ländern.

 

2008 wurde von Vertretern dieser Bewegungen eine Europäische Vereinigung gegründet, die dem internationalen Erfahrungsaustausch und der Kooperation dienen soll („European Rural Community Association“ – ERCA).

 

Karte der Dorfbewegungen in Europa

Abbildung 1: Karte der Dorfbewegungen in Europa (Halhead 2005: The Rural Movements of Europe http://www.preparenetwork.org/index.php)

 

 

Mögliche Bedeutung der Dorfbewegungen für Brandenburg

 

Dorfbewegungen stellen das Dorf und seine Bewohnerinnen und Bewohner in den Mittelpunkt der Entwicklung. Angesichts der Rahmenbedingungen in den dünn besiedelten ländlichen Räumen Brandenburgs, der Abwanderung und des Abbaus der lokalen Infrastruktur ist ein Austausch über neue Finanzierungs- und Durchführungsmodelle und lokale dörfliche Lösungsstrategien durch Nutzung der bürgerschaftlichen Ressourcen notwendig und ermutigend.

 

Das sich entwickelnde Brandenburgische Netzwerk ist neben bewährten Maßnahmen der ländlichen Entwicklung ein weiterer Schritt in diese Richtung.

 

Die Dorfbewegung ist jedoch mehr – das sind die sich bewegenden Dörfer selbst, die sich an diesem Netzwerk beteiligen. Der Begriff „Dorfbewegung“ bringt den Einsatz für die Durchsetzung gemeinsamer Interessen gegenüber der Politik und Gesellschaft zum Ausdruck. Eine Dorfbewegung kann zur „Lobby der Dörfer für die Dörfer“ werden.

 

Weitere Informationen unter Lesenswertes / Europäische Dorfbewegungen